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2008-08-12, Freising
Lichterzeichen August 2008 | Zukunft aus der Vergangenheit gestalten? | Lk. 9,61 und 62

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

„Unsere Initiative hat das Ziel, einen aktiven Beitrag zu leisten zur Bewahrung der Schöpfung in unserer Heimat und in der ganzen Region im Herzen Altbayerns“. – so steht es auf unserer Homepage.

Wir tun dies ganz bewusst als Christinnen und Christen.
Also als Menschen, die Jesus Christus nachfolgen.
Für uns ist Nachfolge auf dem Weg Jesu nicht nur eine Frage der inneren Einstellung.
Das Beispiel Jesu fordert uns vielmehr auch auf, Verantwortung zu übernehmen.
Für die Menschen, die in unserer Region leben – und auch künftig noch gerne leben sollen,
für die Schöpfung in unserer Region – die nicht uns gehört, sondern die wir von Gott, den wir als den Schöpfer ller Dinge glauben, anvertraut bekommen haben. Nicht nur, um sie zu bebauen, sondern auch, um sie zu bewahren.
Darum setzen wir gemeinsam in der Aktion „Lichterzeichen – 2 Bahnen reichen“ mit unserem Sonntagsgebet ganz bewusst ein öffentliches, ein politisches Zeichen gegen den beabsichtigten Bau einer 3.Start- und Landebahn am Flughafen München.

Im Lukas-Evangelium sind eine Reihe kurzer Gespräch Jesu über die Nachfolge auf seinem Weg überliefert.
Eines dieser Gespräche lautet so:

61 - Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. -
62 - Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (LK.9,61.62) -

Ganz klar, bei der Frage um die 3.Startbahn geht es nicht um das Reich Gottes. – Das müssen wir bei allem Engagement klar unterscheiden.
Zumal, wenn wir daran glauben, dass das Reich Gottes in seiner ganzen Herrlichkeit und Gerechtigkeit erst am Ende der Zeit aufscheinen wird.
Allerdings, Jesus selber hat gesagt, dass das Reich Gottes schon im Hier und im Jetzt beginnt. Oft im Kleinen, im Unscheinbaren. Dort, wo Menschen wieder heil werden, wo Verhältnisse geheilt werden, wo neues Leben möglich wird.
Das Reich Gottes beginnt also überall dort, wo Gottes Wille Wirklichkeit wird.

Deshalb ist unbedingt notwendig, dass wir uns bei einem Projekt wie der 3.Startbahn gründlich fragen, ob dieses Projekt mit dem vereinbar ist, was wir bisher von Gottes Willen zum Leben verstanden haben.
Und, wie wir seinem Willen entsprechend handeln.

Da lese ich in diesem kurzen Gespräch Jesu den Satz: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
Und mir geht auf: Das passt doch auch für die Argumentationsweise der Befürworter der 3.Startbahn.
Womit wird ihre Notwendigkeit denn begründet?
Mit nichts anderem als mit dem Blick zurück.
Flugbewegungen, Passagiere, alles Zahlen aus der Vergangenheit werden einfach in die Zukunft hinein verlängert und als gesicherte Prognose dargestellt.
Ist das verantwortlich?

Kerosinpreise aus der Vergangenheit werden für eine vorausgeplante mögliche Auslastung der Bahnen zu Grunde gelegt.
Ist das nüchternes wirtschaftliches Denken?
Oder ist es etwas anderes?

Das Wort Jesu entlarvt ein solches Denken, das meint, aus der Vergangenheit die Zukunft gestalten zu können.
Denn wer beim Pflügen zurückschaut, der kann nur krumme Furchen pflügen.
Weil ihm der Blick zurück den klaren Blick nach vorne verschließt.

Man kann die Zukunft nicht mit der Vergangenheit gestalten.
Auch nicht die Zukunft des Flughafens.
Zahlen, Erfahrungswerte sind wichtig bei einer Planung. Unbestritten.
Weil sie eine Entwicklung zeigen können.
Aber so zu tun, als ob diese Entwicklung einfach unbegrenzt und vollständig in die Zukunft verlängert werden kann, das birgt doch, um im Bild zu bleiben, eine erhebliche Gefahr, dass die Furchen krumm werden;
die Entwicklungslinie nicht linear ansteigt, wie man gerne behauptet, sondern zu einer Kurve wird, zum Sinkflug.

Es sei denn, mein Zukunftsdenken hat nur eine Zeitspanne von ein paar Jahren im Blick. Weil ich nicht weiter denken kann oder will.
Oder zumindest in der Öffentlichkeit keine Aussagen dazu machen will.

Dann aber, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, dann frage ich:
wenn die Betreiber selber keine fundierte, längerfristige Zukunftsperspektive haben, sie vielleicht auch gar nicht haben können,
ist es dann zu verantworten, solche massiven Eingriffe in die Lebensqualität und die Gesundheit der Menschen und in den Reichtum und die Schönheit der Schöpfung vorzunehmen?
Die 3.Startbahn kann ja nicht einfach eingerollt und in die Ecke gestellt werden, wenn sich herausstellt, dass sie gar nicht nötig war.
Wenn sie da ist, ist sie da. Für Jahrzehnte.

62 - Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. -

Und wir?
Haben wir den Blick frei? Oder sind wir selber auch gefangen von dem Blick zurück?
Von den Feindbildern, die sich im Laufe der Jahre entwickelt haben.
Von einer Ideologie, die selber die Zukunft aus der Vergangenheit angehen will?
Rechnen wir damit, dass Menschen sich ändern können und geben wir ihnen dazu auch die Chance?
Sehen wir auch in den Befürwortern der 3.Startbahn, einschließlich der Verantwortlichen bei der FMG Menschen, denen Gottes Zuwendung in gleicher Weise gilt wie uns?

Sind wir selber bereit, uns zu ändern. Im Blick auf eine Zukunft, die die Veränderung des Lebensstils fordert.
Unseres Lebensstils.
Also auch unser Mobilitätsverhalten. Das vielleicht bestimmt wird von Träumen der Vergangenheit.

62 - Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. -

Hören wir die Aussage Jesu im Blick auf die 3.Startbahn.
Hören wir sie aber auch im Blick auf uns selber.
Christsein heißt nicht nur, christliche Traditionen zu pflegen, sondern heißt auch, Christus auf dem Weg in die Zukunft nachzufolgen.
Wegzeichen und Entscheidungskriterien sind seine Worte und seine Taten.

Weil er mit uns mitgeht, können wir auch das Risiko auf uns nehmen, gegen den Strom zu schwimmen.
In einer Welt, die unsicher ist, was kommt, die an sich selbst zu ersicken droht und immer weniger Hoffnung vermittelt, können wir, Christinnen und Christen durch unser Beispiel Signale der Hoffnung setzen.
Und wir bekommen den Mut, uns auch selber in Frage zu stellen, um neue Antworten für uns und die Verlegenheiten unserer Welt zu finden.
Darum, setzen wir ein Zeichen:
Wagen wir neue Entwürfe für die Zukunft.

Amen
 
2007-10-01, Freising

Unheimlicher Nachbar Flughafen

Einen Nachbarn kann man sich meist nicht aussuchen. Er ist einfach da, ob man will, oder nicht. Es kommt dann darauf an, wie man miteinander zurecht kommt. Der Flughafen München ist unser Nachbar. Nicht mit offenen Armen aufgenommen, aber mit der Zeit akzeptiert und auch geschätzt.
Den Nachbarn Flughafen haben sich viele nicht gewünscht, aber sie haben sich mit ihm arrangiert. Vielleicht auch mit ein bisschen Stolz, denn der Flughafen im Moos ist ein architektonisches Schmuckstück mit vielen Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten. Die evangelische Kirche ist in vielfältiger Weise mit dem Flughafen verbunden: über die Flughafenseelsorge, die Nachalarmierung in einem möglichen Großschadensfall, die Mitarbeit im Kirchlichen Notfallteam, aber auch die Gottesdienste in der Christopherus-Kapelle,
Doch jetzt wird der Nachbar unheimlich. Er droht unverholen, alles, was in seiner Nähe wohnt, zu erdrücken. Die Vertreter der Betreibergesellschaft versichern immer wieder, dass der Flughafen München noch sehr viel steigerungsfähiger sei, wenn man die Kapazitäten erweitern, also die dritte Startbahn bauen würde. Die "Lufthansa" versucht Fakten zu schaffen, indem sie das Drehkreuz des Südens ausruft und aufbaut. Die drei Anteilseigner, die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Bayern und die Landeshauptstadt München unterstützen die Expansion des Flughafens einschließlich des Baus der dritten Startbahn - ungeachtet des Protests und des Widerstands aus der Region gegen diese Pläne.
Die Flugspurenaufzeichnungen belegen schon jetzt eindrücklich, dass Freising bei schlechtem Wetter Überflugsgebiet ist. Mit der dritten Startbahn wird dies für einen Großteil der Stadt zur Regel, der Flugkorridor wird automatisch breiter.

Die Folgen?

Die dritte Startbahn wird noch mehr Verkehr auf die Straße bringen. Sie wird noch mehr Lärm in der Luft und auf der Straße nach sich ziehen.
Weil der Straßen- und der Luftverkehr steigen, wird auch die Stickoxidbelastung noch größer sein als schon bisher.
Um das steigende Verkehraufkommen zu bändigen, müssen noch mehr noch breitere Straßen gebaut werden. Bis heute noch unverbaute Landschaft wird mit Teer und Beton versiegelt. Die Natur im Erdinger und Freisinger Moos wird noch weiter zurückgedrängt.
Die Lebenshaltungskosten werden weiter steigen, die Lebensqualität aber wird sinken.
Die politischen Gemeinden werden gar nicht mehr nachkommen, die benötigte soziale Infrastruktur zu liefern.
Die Grundstücke im gesamten Flugkorridor werden erheblich an Wert verlieren. Sie tun es schon jetzt.
Immer wieder wird damit argumentiert, dass der Ausbau des Flughafen das Beste für unsere Region sei.
Kommunalpolitiker aller Parteien widersprechen dem vehement. Denn sie wissen: die zumutbare Belastung für die Menschen, die Natur und die Region ist erreicht.
"Suchet der Stadt Bestes", sagt der Prophet Jeremia einmal. Das Beste für unsere Region ist nicht die dritte Startbahn. Das Beste für unsere Region ist der Flughafen in der jetzigen Größe. Er hat ja immer noch genügend Wachstumspotential, auch mit seinen zwei Startbahnen.
Wenn ich von den Plänen der Flughafenbetreibergesellschaft höre, muss ich an diese unheimliche Geschichte vom reichen Kornbauern (Lukasevangelium Kapitel 12) denken. Immer größere Scheunen baut er, um sein Korn zu lagern. Endlich hat er genug gebaut. Zufrieden und selbstgerecht lehnt er sich zurück und muss sich dann von Gott sagen lassen, dass er sein Leben und den Sinn seines Lebens verfehlt hat.
An anderer Stelle bringt Jesus diese Gefahr, sein Leben zu verfehlen, kurz und prägnant auf den Punkt: "Welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst?"(Lukasevangelium Kapitel 9 Vers 25).

Es ist höchste Zeit, ganz nüchtern eine solche Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen. Denn die Verantwortung für uns und unser Leben, unsere Seele, aber auch für das Leben derer, die nach uns hier in der Region um den Flughafen leben werden, nimmt uns niemand ab. Nicht die Flughafen München Gesellschaft, erst recht nicht die Politiker, die alle nicht in der Region um den Flughafen wohnen, aber in der Betreibergesellschaft den Ausbau des Flughafens forcieren.
Ich bedaure es sehr, dass auch meine Kirche aus der Ferne Münchens oder Hannovers diese Zusammenhänge anscheinend nicht wahrnimmt. Wie sonst hätte, laut Presseberichten, das Siegel "Arbeit plus" ohne jeglichen deutlichen Kommentar verliehen werden können?
Wirtschaftliches Wachstum kann nicht das einzige Kriterium für die Entwicklungsplanung einer Region sein. Wirtschaftliche Entwicklung hat auch dem Wohl der Menschen und der Bewahrung der Schöpfung zu dienen. Für das Leben im verlorenen Paradies wie auch für das Leben in dieser Welt gibt Gott dem Menschen einen doppelten Auftrag: "Füllet die Erde . .machet sie euch untertan" und "Gott der Herr .. setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte".

In einer begrenzten Welt gibt es kein unbegrenztes Wachstum.

Ihr

Jochen Hauer
Dekan

 
2005-08-04, Freising

"Großmannssucht" und "Einzelinteressen"

Evangelische Kritik am Anheizen des Booms in der Flughafenregion Freising

Von Heinz Brockert (epd)

Freising (epd). Der Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Freising, in dessen Bereich der Großflughafen München liegt, ist ein besonnener Mann, aber seine Kritik am weiteren Ausbau des Airports durch eine dritte Start- und Landebahn fällt deutlich aus. "Großmannssucht" wirft Jochen Hauer den Gesellschaftern der Flughafengesellschaft FMG vor, zu denen die bayerische Staatsregierung (CSU) und die von einer rotgrünen Koalition regierte Stadt München gehören.

Den Umlandgemeinden des Flughafens sagt er Kirchturmspolitik nach: "Eine Solidarisierung der betroffenen Region gegen die Gesellschafter der FMG zu Gunsten einer Wachstumsbeschränkung wäre sehr sinnvoll, ist aber auf Grund der vielen Einzelinteressen nicht realisierbar." Der in Bamberg geborene Hauer (51), der seit 1999 als Dekan in Freising Dienst tut und zuvor 15 Jahre Pfarrer in Traunstein (Oberbayern) war, sieht die Entwicklung so wie andere

Kritiker: Der Münchner Flughafen soll zu einer globalen Verkehrsdrehscheibe ausgebaut werden und als erstes dem größten deutschen Flughafen Frankfurt den Rang ablaufen. Die Interessen der in der Region lebenden Menschen seien immer weniger im Blick.

Seine Kritik richtet der Pfarrer nicht nur an die Flughafengesellschaft. Die verstehe sich als Global Player und denke nur wirtschaftlich, "was von ihrem Auftrag her auch gar nicht anders sein kann". Die Politik könnte steuern, aber tatsächlich heizten Bund, Freistaat Bayern und die Stadt München die Entwicklung einer schon boomenden Region noch an. Hauer teilt die Kritik des Freisinger Landtagsabgeordneten der Grünen Christian Magerl an die federführende bayerische Staatsregierung: "Mit der Zustimmung zum Bau einer dritten Startbahn setzt die Staatsregierung auf eine falsche Strukturpolitik und fatale Zentralisierung, indem sie hohe Subventionen für weitere Arbeitsplätze in eine bereits boomende Region hineinbuttert anstatt im Sinne der Landesentwicklung für gleiche Chancen in allen Regierungsbezirken zu sorgen."

Folgerichtig sagt Hauer, dass nicht die Christen der Flughafenregion alleine gefordert seien, nach Grenzen des Wachstums und Schöpfungsverantwortung rufen, sondern die bayerischen Landeskirche ihre Stimme erheben müsste. Im bayerischen Landeskirchenamt und in der bayerischen Landesynode besteht derzeit aber noch keine Neigung, sich gleich mit Bund, Land und der Landeshauptstadt München anzulegen. Und so agiert Hauer erst einmal auf der Grundlage eines Beschlusses der Dekanatssynode Freising, die 38.000 evangelische Christen in der Region vertritt, vom 25. Oktober 2003 "Auswirkungen und Konsequenzen der geplanten Flughafenentwicklung auf Mensch und Natur".

"Wir akzeptieren den Flughafen als Tatsache, in unseren Kirchengemeinden werden wir aber täglich mit den Sorgen und Nöten konfrontiert, die der Flughafen mit sich bringt", heißt es da. "Die Kirche muss sich für eine lebenswerte Umwelt nicht nur für die jetzige, sondern auch für kommende Generationen einsetzen. Auch als Trägerin öffentlicher Belange hat Kirche das Recht und die Pflicht zur Mitsprache bei Planungen und Entscheidungen, die das öffentliche Leben und die Natur betreffen." Wirtschaftliches Wachstum könne nicht das einzige Kriterium für die Entwicklungsplanung einer Region sein.

"Wachstum um jeden Preis bedeutet ein noch größeres Maß an Emissionen, verbunden mit noch stärkeren gesundheitlichen Belastungen und verminderter Lebensqualität der Anwohner", sieht das Kirchenparlament voraus. "Wir fordern, dass die Genehmigung von Planungen erst dann erfolgt, wenn die daraus folgenden Folgelasten wie Infrastruktur, Schulen, Kindergärten, Straßen, sozialer Wohnungsbau, etc. berücksichtigt worden und die Finanzen gesichert sind". Lebenshaltungskosten und Verschuldung seien in der Flughafenregion enorm gestiegen. "Wir fordern einen gerechten Interessenausgleich zwischen der Schaffung von Arbeitsplätzen, der Gewinnsteigerung für die Betreibergesellschaft und den Bedürfnissen von Anwohnern der Region."

 
2005-08-04, Freising

"Die Flughafenregion wird weiter Schaden nehmen"

Evangelischer Dekan Hauer kritisiert Ausbau des Münchner Flughafens

Freising (epd). Die beschlossene Erweiterung des Flughafens München durch eine dritte Start- und Landebahn stößt bei vielen evangelischen Christen in der Region auf Kritik. Das hat der Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Freising, Jochen Hauer (51), im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst

(epd) betont. Die Flughafenregion werde "weiter Schaden nehmen, weil sie von den Flughafenbetreibern in erster Linie als Ressource für Raum, Arbeitskräfte und Wohnraum gesehen wird, die Aspekte Lebensqualität, steigende Mensch- und Umweltbelastung und Umweltzerstörung durch den expandierenden Flughafen sind zweitrangig". Die Flughafenbetreiber seien "Global Player, für die unsere Fragestellungen wie Folgen für die Region und Grenzen des Wachstums nicht Gegenstand ihres Denkens sind".

Das Argument, neue Arbeitsplätze schaffen zu wollen, sei "ein Totschlagargument", sagt der Pfarrer. Die Region Freising habe jetzt schon die wenigsten Arbeitslosen in Deutschland. Viele neue Jobs lägen im Niedriglohnsektor. Der Ausbau des Flughafens werde weitere Menschen aus Deutschland und dem osteuropäischen Raum in die hoch-belastete Region locken.

Für deren Ansiedlung gebe es keine ausreichende Infrastruktur. Viele der bisher Zugezogenen seien "völlig entwurzelt". Hauer beklagt eine fehlende "Entwicklungsagenda" für die Region. Leider kochten auch die politischen Gemeinden jeweils ihr eigenes Süppchen.

Der Dekan will weiter in einer Arbeitsgruppe der Flughafengesellschaft FMG mit Bürgerinitiativen und Interessengruppen der Region mitarbeiten, die fünf Mal getagt hat und das nächste Mal am 17. August zusammen tritt. "Viel erwarte ich mir nicht, aber die Kirchen können die Stimmen der Betroffenen und Belasteten einbringen", sagt Hauer.

Heinz Brockert (epd)

 
2005-05-25, Freising

Der Flughafen und wir – ein persönlicher Zwischenruf

Am 25. Oktober 2003 hatte die Dekanatssynode in Au das Wort des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks Freising zu den „Auswirkungen und Konsequenzen der geplanten Flughafenentwicklung auf Mensch und Natur“ beschlossen. Die Presse berichtete ausführlich, Ihr Gemeindebrief auch.
Ich habe unsere Stellungnahme Entscheidungsträgern in unserer Region, bei der Flughafen München GmbH (FMG) und in unserer Landeskirche ebenso zur Kenntnis übergeben wie den Bürgerinitiativen in den Landkreisen Freising und Erding.

Was ist seitdem geschehen?
Neben mehreren zustimmenden Voten aus den Reihen der Bürgerinitiativen, aber auch des Landeskirchenrats und der Präsidentin der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern wurde auch die Einladung zur Mitarbeit in der Gesprächsrunde zwischen der FMG und den Bürgerinitiativen der Umlandgemeinden ausgesprochen. Pfarrer Krusche aus Au und ich nehmen seitdem regelmäßig an den Treffen teil und vertreten dort den Standpunkt der Synode.

In mehreren Gesprächen mit den Verantwortlichen der FMG hat sich herausgestellt, dass der richtige Ansprechpartner für unsere Anliegen eigentlich nicht die FMG ist, sondern die Gesellschafter der FMG wie die Bayerische Staatsregierung, das Wirtschaftsministerium, Politiker aus der Region, die Stadt München oder der Bund sind. Sie geben die Linie vor.
Die FMG handelt nach Vorgabe der Gesellschafter nach rein wirtschaftlichen Kriterien. Von daher ist eine Expansion des Flughafens wie der Zahlen gemeinsames Interesse.

Die FMG ist global player. Das heißt, die Region um den Flughafen ist als Standort zwar wichtig, im Blick aber sind der gesamte bayerische Raum, Süddeutschland und immer mehr auch die angrenzenden Länder. Sie sind der Einzugsbereich des Flughafens. Hier werden Arbeitskräfte angeworben. Hier versteht sich die FMG als Lokomotive für die wirtschaftliche Entwicklung.

Die FMG stellt mit Erstaunen fest, dass es bei Themen der Infrastruktur wie etwa einer besseren Verkehrsanbindung kaum eine bzw. keine Zusammenarbeit der Umlandgemeinden untereinander, geschweige denn gemeinsam mit der FMG gegenüber der Staatsregierung gibt. Wie in der Vergangenheit auch schon kocht hier jeder sein eigenes Süppchen.

Eine Infrastruktur-Abgabe wird seitens des Betreibers des Flughafens rigoros abgelehnt.
Ein einseitiges Vorgehen ist rechtlich nicht möglich, weil eine solche Abgabe bundesweit einheitlich geregelt sein muss.

Meine Folgerungen aus diesem Sachverhalt
Eine Solidarisierung der betroffenen Region zusammen mit dem FMG zugunsten besserer Infrastruktur ist erstrebenswert, aber wohl unmöglich. Es gibt keine gemeinsame Entwicklungsagenda.
Eine Solidarisierung der betroffenen Region gegen die Gesellschafter der FMG zugunsten einer Wachstumsbeschränkung wäre sehr sinnvoll, ist aber aufgrund der vielen Einzelinteressen nicht realisierbar.

Die Region wird weiter Schaden nehmen, weil sie seitens der FMG und der Gesellschafter in erster Linie als Ressource für Raum, Arbeitskräfte und Wohnraum gesehen wird. Investitionen wie in den Lärmschutz erfolgen nur aus diesen Gründen.
Die Aspekte Lebensqualität in der Region, steigende Mensch- und Umweltbelastung bzw. -zerstörung durch den expandierenden Flughafen sind zweitrangig.

Unsere Fragestellungen (Grenzen des Wachstums, Folgen für die Region und die Infrastruktur) sind nicht Gegenstand des Denkens und Handelns der FMG und können es von deren Auftrag her auch gar nicht sein.

Was ist dann unsere Aufgabe im Blick auf den Flughafen und seine Entwicklung?
Von der Basis der Gemeinden und des Dekanatsbezirks aus ist eine Einflussnahme auf die Entwicklungsstrategie des Flughafens nur sehr bedingt, wenn nicht gar unmöglich.
Sehr wünschenswert wäre eine gezielte Einflussnahme durch die kirchenleitenden Organe unserer Landeskirche auf höherer Ebene, also auf die Staatsregierung und die politischen Entscheidungsträger.

Die weitere Mitarbeit in der Gesprächsrunde zwischen den Umlandgemeinden und der FMG ist sinnvoll, weil wir damit unsere Solidarität mit den Menschen und den kommunalen Verantwortlichen hier in der Region zeigen.
Wir vertreten bei diesen Gesprächen weiterhin den Standpunkt, den wir in Au beschlossen haben, und übernehmen, zusammen mit anderen, das Amt der Fragenden und Warnenden vor Ort. Nicht nur gegenüber der FMG, sondern auch im Blick auf die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten.

Immer größere Bedeutung bekommt die Seelsorge in den Gemeinden. Wir üben Seelsorge im herkömmlichen wie im weitesten Sinn an den Menschen, die zu uns infolge des Flughafens kommen und oft vollkommen entwurzelt sind. Unsere Gemeinden sind offen für sie und laden sie ein, sich zu beteiligen und die Angebote in Anspruch zu nehmen.
Wir stellen unsere Fähigkeiten für den Kirchlichen Dienst am Flughafen zur Verfügung. Sei es in der Übernahme von Gottesdiensten oder sei es in der Mitarbeit im Kirchlichen Notfall-Team am Flughafen.

Der Dekanatsausschuss hat mich gebeten, meinen „Zwischenruf“ zu veröffentlichen. Dies tue ich gerne.
Falls Sie mir dazu schreiben möchten – ich bin gespannt

Ihr

Jochen Hauer
Dekan

 
2005-03-10, Freising/Eching
„Auswirkungen und Konsequenzen der geplanten Flughafenentwicklung auf Mensch und Natur“ Wort des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks Freising

1. Grundlage
Die Dekanatssynode des Evangelisch - Lutherischen Dekanatsbezirks Freising vertritt rund 38.000 evangelische Christinnen und Christen in den Landkreisen Freising und Erding, dem nördlichen Landkreis Ebersberg und einem kleinen Bereich des Landkreises Pfaffenhofen.

Nach evangelischem Verständnis leben wir als Kirche in der Welt. Wir haben
Verantwortung für Mensch und Natur in der Region.

Darum beziehen wir nach einem intensiven Meinungsbildungsprozess in den Gremien des Dekanatsbezirks auf der Grundlage der Heiligen Schrift Stellung zu der geplanten Flughafenentwicklung.

Wir akzeptieren den Flughafen als Tatsache. Wir sehen seine Bedeutung für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft des Umlandes.

Unser diakonischen Auftrag verpflichtet uns, dort aktiv zu werden, wo Menschen unsere Hilfe brauchen.
Deshalb nehmen wir auch unsere Verantwortung für die Menschen am Flughafen wahr. Wir sind als kirchlicher Dienst am Flughafen zusammen mit der röm.-kath. Kirche Ansprechpartner für Beschäftige, Flüchtlinge und Reisende.
In unseren Kirchengemeinden werden wir täglich mit den Sorgen und Nöten konfrontiert, die der Flughafen mit sich bringt.
Als Kirche am „Tor zur Welt“ müssen wir auch auf die Nöte der sog. „Dritten Welt“ aufmerksam machen und gegen jede Art von Fremdenfeindlichkeit angehen.
Auch deshalb sind wir aufgefordert, uns zum Flughafen zu äußern.

Die Bewahrung der Schöpfung ist eine wichtige Aufgabe christlichen Lebens. Die Kirche muss sich für eine lebenswerte Umwelt nicht nur für die jetzige, sondern auch für die kommender Generationen einsetzen.
Die globalen ökologischen Konsequenzen des Flughafenbetriebes müssen stärker in der Blick kommen.

Auch als Trägerin öffentlicher Belange hat Kirche das Recht und die Pflicht zur Mitsprache bei Planungen und Entscheidungen, die das öffentliche Leben und die Natur betreffen.

2. Wir fragen: wie viel Flughafen verträgt die Region noch?“

Bei weiterem Wachstum des Flughafens kann der Bedarf an Arbeitnehmern immer weniger aus der Region gedeckt werden.
Der enorme Zuzug und die starke Fluktuation werden anhalten und eine extreme Belastung für politische wie kirchliche Gemeinden darstellen, denn sie müssen die nötige Infrastruktur zur Verfügung stellen.
Wir fordern, dass die Genehmigung von Planungen erst dann erfolgt, wenn die daraus folgenden Folgelasten wie Infrastruktur, Schulen, Kindergärten, Straßen sozialer Wohnungsbau etc berücksichtigt worden und die Finanzen gesichert sind.
Wir wenden uns gegen alle Tendenzen, wirtschaftliche Interessen über menschliche Bedürfnisse zu stellen.

Die Integration Menschen verschiedener Herkunft, unterschiedlicher Ausbildung und anderer Weltanschauung wird eine Frage der Lebenskultur in unserer Region sein.

Wir halten es für bedenklich, in welchem Maß sich die Lebenshaltungskosten in der Region entwickelt haben und weisen voller Sorge auf die steigende Verschuldung in unserer Region hin.

Die Belastung von Mensch und Natur durch Emissionen ist schon jetzt sehr groß. Wachstum um jeden Preis bedeutet ein noch größeres Maß an Emissionen, verbunden mit noch stärkeren gesundheitlichen Belastungen und verminderter Lebensqualität der Anwohner.
Wirtschaftliches Wachstum kann nicht einziges Kriterium für die Entwicklungsplanung einer Region sein. Wirtschaftliche Entwicklung hat auch dem Wohl der Menschen und der Bewahrung der Schöpfung zu dienen.
In einer begrenzten Welt gibt es kein unbegrenztes Wachstum.
Darum stellen wir einem rein betriebswirtschaftlichem Denken ökologische und regionale Wachstumsgrenzen entgegen.

Mit großer Sorge beobachten wir die enorme Bodenversiegelung in der Region. In Anbetracht der immer knapper werden Ressource Boden und der davon abhängigen Ressource Wasser stehen wir dem weiteren Ausbau des Flughafens kritisch gegenüber.

Wir fordern einen gerechten Interessenausgleich zwischen der Schaffung von Arbeitsplätzen, der Gewinnsteigerung für die Betreibergesellschaft und den Bedürfnissen von Anwohnern und Region.
Wir dringen auf die Verlässlichkeit von Vereinbarungen, wie zB. zum Nachtflugverbot, und Zusagen, wie zB. zur fehlenden Notwendigkeit einer 3. Startbahn.

3. Wir fordern und fördern den offenen Dialog

Ein Dialog zwischen den Verantwortlichen und den Umlandgemeinden hat bis dato praktisch nicht stattgefunden und beginnt erst jetzt sehr zaghaft.
Es muss mit allen Beteiligten über die Entwicklungsmöglichkeiten und die Belastungsgrenzen für die Region gesprochen werden
Wir fordern eine offenen Information über die Planungen seitens der „Flughafen München GmbH“.
Die Beteiligung an Entscheidungsfindungsprozessen erscheint uns als der geeignete Weg, demokratische Umgangsformen gegen Frustration und Ohnmachtgefühle ins Spiel zu bringen.
Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, den Dialog zwischen der „Flughafen München GmbH“ und den Umlandgemeinden und ihren Bewohnern zu fördern und eine neue Dialogkultur zu pflegen.
Wir sind bereit, uns mit unserer Bildungs- und Veranstaltungskompetenz hier einzubringen.


 
 

 
© webmaster | update: Wed 25. Feb 2009 09:09